Liebe Freunde, liebe vielleicht-bald-Unterstützer, liebe Zufallsbesucher, werte Andersdenkende,
viel ist passiert und über einiges davon möchte ich berichten.
Zum einen ist da eine Erfahrung, die einiges an Frustrationstoleranz abverlangt hat.
Zum anderen eine weitere Erfahrung, die mir als "International" das erste Mal einen Einblick in das gewährte, was einem Palästinenser hier täglich passieren kann.
Wenden wir uns also dem vorgestrigen Mittwoch zu. Am Morgen verabredeten wir uns mit einigen Kindern zum gemeinsamen Englischlernen, da am nächsten Tag eine Englischklausur anstand. Als wir dann am Nachmittag gegen drei Uhr mit unseren vier oder fünf Kleinen im Konferenzraum saßen, kamen so nach und nach noch einige Kinder dazu, dass wir nach sehr kurzer Zeit mit einer nicht mehr zu bändigenden Meute an mehr oder minder lernwilligen, aber unter Druck stehenden Schülern dastanden. Dann versuchten wir also als nicht wirklich perfekt arabisch sprechende Teilzeitlehrer innerhalb von drei Stunden Schüler, die in Klasse fünf und sechs zu überwiegenden Teilen Probleme haben, Buchstaben zu erkennen, abstruse grammatische Formen zu erklären. Dass dabei auf beiden Seiten nicht nur gute Laune aufkam und wir selten so gestresst von Arbeit (ja, das war es an diesem Tag ausnahmlos) zurückkehrten, war wenig verwunderlich. Das Problem in meinen Augen ist, dass die Schule ganz simpel einfach nur zu SCHWER ist. Wenn ein Sechsjähriger in der ersten Klasse anfangen muss, Arabisch, Englisch und Französisch zu lernen, halte ich das angesichts der hiesigen Erfahrungen für absolut sinnfrei. Sicherlich gibt es auch Ausnahmen, aber die waren am Mittwoch sehr selten. Wenn ich dann außerdem immer wieder Arbeitsblätter finde, die vor Fehlern strotzen, aber dennoch mit einem großen "Richtighäkchen" und einem fetten "Queis" (Gut!) beschriftet sind, frag ich mich, ob die Lehrer entweder zu schlecht ausgebildet, zu wenig an der Zahl oder einfach unmotiviert sind.
Die zweite Begebenheit ereignete sich als ich meinen ersten Besuch wieder zurück zum Flughafen nach Tel Aviv bringen wollte. Wir hatten uns für kurz vor eins in der Nacht ein arabisches Taxi bestellt und uns für halb zwei mit einem israelischen Sammeltaxi auf der anderen Mauerseite verabredet. Nun fuhren wir also zum Checkpoint Rachel's Tomb und trafen dort auf - wie der Zufall oder die Wachmannschaft es wollte - auf ein verschlossenes Tor. Trotzdem man aus dem Wachturm Funk hörte, fühlte sich niemand gemüßigt, dass Tor zu öffnen. Nun versuchten wir also, das israelische Taxi zum anderen Checkpoint umzubestellen, was nach sehr vielen sehr nervenaufreibenden anrufen auf Englisch und Arabisch auch mehr oder minder gut gelang. Bevor wir aber auf das israelische Sherut trafen, ereignete sich noch einiges mehr: Wir fuhren also mit dem arabischen Taxi ungefähr 30 Meter auf einer Siedlerstraße auf den Checkpoint zu. Als der Taxifahrer und ich aussteigen wollten, damit man uns zum einen besser sehen konnte und zum anderen um zu klären, ob wir zu Fuß passieren könnten, war das erste, was ich sah als ich wieder über das Auto sehen konnte, ein auf uns gerichtetes M16 Sturmgewehr. Einige Soldaten gestikulierten mehr oder minder aufschlussreich, dass wir sofort wieder einsteigen sollten. Nach einigen Hin- und Herdiskutieren und dem Versuch, die Situation zu erklären, genehmigte man uns dann auch, dass sowohl meine Freundin als auch ich passieren durften. Zuerst hieß es, dass nur sie mit einem Reisegrund versehen sei und deshalb auch passieren dürfte. Letztlich saßen wir dann beide im israelischen Sherut - vorher berichtete uns der palöstinensischer Fahrer, dass die israelischen Soldaten noch seine Autoscheibe zerschlagen wollten.
Als wir dann letztlich nach diesen ersten Ereignissen auf dem Ben Gurion Airport eintrafen, ging es auch gleich sehr "sicher" weiter. Die "normalen" Kontrollen wurden noch um zweimaliges Durchsuchen des Gepäcks verschäft, die Personenkontrolle durfte auch ein zweites Mal passiert werden und der terrorverdächtige Discman meiner Freundin flog frisch als Gefahrengut versiegelt im Frachtraum. Der gesamte Parcour am Flughafen dauerte auch nur läppische drei Stunden - ob das vielleicht daran lag, dass der Flug eh Verspätung hatte? Darüber spekulier ich, meine "Objektivität" bedenkend, lieber nicht...
Bis zu den nächsten Ereignissen, Katastrophen und Neugikeiten alles Gute an euch.
Leo
